Interview mit Andre Nolte

Der Ingenieur ohne Abitur

Wir sprechen mit Andre Nolte über seinen ganz individuellen Weg zum Ingenieursein

„Junge, pass auf, dass du dich mit Strom und Spannung beschäftigst. Da ziehst du montags deinen weißen Laborkittel an und ziehst ihn freitags genauso weiß wieder aus.“

Die Redaktion von ingenieurregion.de traf sich mit Andre Nolte, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Fahrzeugtechnik am Standort der Ostfalia Hochschule in Wolfsburg, um mit ihm über das Ingenieurwerden ohne Abitur, den Arbeitsalltag in der Forschung und greifbare Tipps für all jene zu sprechen, die mit dem Gedanken spielen, die Ingenieurlaufbahn anzustreben.

Ich bin nach meiner Ausbildung im Handwerk ins Studium gekommen. Für mich gab es, nach meinem Abschluss als Kraftfahrzeugmechatroniker, zwei Möglichkeiten: Ich hatte Lust zu studieren, und dafür konnte ich eine Fachoberschule besuchen, was bedeutet hätte, ich gehe zwei Jahre zur Schule und bin dann Geselle mit Fachoberschulreife. Oder ich werde Handwerksmeister, denn durch die Gleichsetzung der Ausbildungsabschlüsse war das für mich gleichbedeutend mit der allgemeinen Fachhochschulreife. Hätte es mit dem Studieren nicht sein sollen, wäre ich so immerhin Meister dieses Fachs gewesen.

Während meiner Ausbildung habe ich mich schon häufig mit den Themen Fehlerdiagnose und Messen von elektronischen Teilen beschäftigt. Ich hatte damals einen alten Lehrmeister – der hatte noch zu einer Zeit gelernt, in der es noch keine „Blinker“, sondern „Winker“ gab – der sagte zu mir: „Junge, pass auf, dass du dich mit Strom und Spannung beschäftigst. Da ziehst du montags deinen weißen Laborkittel an und ziehst ihn freitags genauso weiß wieder aus.“ Er motivierte mich, mich weiter mit dem Bereich Elektrik und Elektronik zu beschäftigen – so habe ich später Fahrzeuginformatik und Elektronik studiert.

Nachdem ich mit meiner Ausbildung fertig war, bekam ich relativ schnell einen Platz in der Meisterschule. Ich machte in zehn Monaten meinen Meister und bewarb mich dann mit einem Schnitt von 1,75 auf einen Studienplatz – damit war es relativ leicht, in Wolfsburg angenommen zu werden.

Vor Semesterbeginn gab es den Einführungskurs Mathematik – leider war ich da im Urlaub. So habe ich mich drei Semester lang mit Mathematik 1 beschäftigt und zwei weitere Semester mit Mathematik 2. Viel habe ich über Lerngruppen abgedeckt und kam so um weitere Zusatzkurse herum.

Für mich schon! (lacht) Zeitmanagement im Studium ist auch so ein Thema – das lernt man im Studienalltag entweder auf die sanfte oder die harte Tour. Selbstorganisation ist äußerst wichtig.

Ich bin ein sehr strukturierter Mensch – glaube ich zumindest – und mir haben zum Beispiel To-do-Listen weitergeholfen. Was muss getan werden? Wie lange darf es dauern? Das war besonders in den Klausurphasen wirklich hilfreich.

Ich bin im ersten Semester tatsächlich durch alle Prüfungen außer Digitaltechnik gefallen. Und die habe ich immerhin mit 4,0 bestanden. Ich habe danach vieles im ersten, manches im zweiten Versuch bestanden und hatte das Glück, nie in einen Drittversuch gehen zu müssen.

Ich habe mich hingesetzt, habe gelernt, habe gesehen, dass ich so auch Klausuren bestehe – und dass ich mich verbessere.

Mittlerweile bin ich seit fast fünf Jahren wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät Fahrzeugtechnik in Wolfsburg – ich hätte nie gedacht, dass ich mal direkt hier bleibe, wo ich studiert habe. Ich dachte immer, ich schließe mein Studium ab und gehe dann in die Industrie, irgendwo in die Entwicklung (lacht). Ich habe diese Möglichkeit durch einen Professor erhalten, der es mir auch ermöglichte, anschließend noch berufsbegleitend meinen Master zu machen.

Als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät bin ich im Bereich After Sales tätig – also für das verantwortlich, was nach der Produktion bzw. Verkauf anfällt, zum Beispiel für Fahrzeugdiagnosen und weiterführende Prozesse. Ich habe einen sehr abwechslungsreichen Arbeitsalltag, ich bin hier in der Ausbildung und der Lehre tätig, gebe Vorlesungen, führe mit den Masterstudierenden Experimente und Versuche durch und entwickle mit Studierenden anhand von Modellen Diagnosesoftware-Lösungen.

Darauf hat mich tatsächlich noch nie jemand so angesprochen. Ganz im Gegenteil erhalte ich sogar oft positives Feedback, wenn mein Lebenslauf zur Sprache kommt, da ich durch meine Vorerfahrung einen ganz anderen Blick auf das Auto und die Technik mitbringe. Ausbildung und Meisterschule haben die Dinge sehr praktisch behandelt, das Studium dann sehr spezifisch und in die Tiefe gehend.

Das bestätigt mir das regelmäßige Feedback (lacht).

Ich habe in meinen fünf Jahren hier einige Studierende kennenlernen dürfen und denke, dass die Motivation für ein Studium aus einem selbst kommen sollte. Wenn man im Studium einen Bereich für sich findet, mit dem man sich identifizieren kann, der einen begeistert, dann fällt es einem leichter, wirklich dranzubleiben.

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